Wann merkt man eigentlich in der Marathonvorbereitung, dass es ernst wird? Bei mir hat es relativ lange gedauert, so dass ich auch noch in der letzten Woche vor Rotterdam relativ entspannt war.

Vorbereitet war ich ja eigentlich ganz ok, auch wenn mir eine Entzündung am Sehnenansatz etwas Probleme bereitet und meine Trainingsplanung durcheinandergebracht hat. Aber genug gejammert: Am Samstag ging es dann los nach Rotterdam und schon im Auto wuchs bei mir die Nervosität. Aber ein bisschen Aufregung und Adrenalin können ja nicht schaden.

Das Hotel für #DeinErsterMarathon hat New Balance für uns direkt gegenüber des Start- und Zielbereichs gebucht. Und schon als wir dort ankamen, war die Atmosphäre wie auf einem Volksfest. Die Niederländer sind ja bekannt für ihre tolle Stimmung bei Laufevents, aber dies überstieg alles, was ich bisher gesehen oder gehört habe. Auch wenn am Samstag nur ein kleiner Lauf über 4,2 Kilometer stattfand, waren die Stimmung und die Menschenmasse einfach überwältigend. Jubelnde und verkleidete Zuschauer, laute Musik, Konfetti und die Läufer mittendrin. Die Nervosität verschwand sofort und wich einem doofen, breiten Grinsen und der Vorfreude, am nächsten Morgen selber auf die Strecke zu dürfen. Die Beine kribbelten, ich hopste auf der Stelle herum und wollte am liebsten gleich loslaufen. Aber immer langsam mit den jungen Pferden!

Daher haben wir nur noch die Startunterlagen abgeholt, ein bisschen gemütlich Rotterdam erkundet und anschließend mit den anderen Marathonis von #DeinErsterMarathon, denen auch eine Mischung aus Vorfreude, Nervosität und Anspannung anzumerken war, bei der Pasta Party des Hotels ordentlich zugeschlagen.

Anschließend war „Matratze horchen“ angesagt, was trotz Aufregung und ungewohntem Hotelzimmer erstaunlich gut geklappt hat.

Der Marathontag

Schon beim Aufwachen kreisten alle Gedanken um den Marathon. Also schnell aufgesetzt und erst mal kurz Gymnastik gemacht. Der Nervosität, die am Vortag verschwunden war, kam mit vollen Zügen zurück.

Also habe ich schnell das Frühstück hinter mich gebracht, die New Balance Ausrüstung angezogen und dreimal kontrolliert, ob die Schuhe auch wirklich richtig sitzen. Dann ging’s auf zum Start.

Das klingt einfacher, als es war, da so unfassbar viele Läufer unterwegs waren, dass ich mich gefühlt habe, als würde ich an einer Schlange für eine Achterbahn anstehen. Die Vorfreude und das mulmige Gefühl im Magen waren ebenfalls dabei. Richtig cool war aber, dass die Teilnehmer von #DeinErsterMarathon sich in kleinen Grüppchen motiviert und sich gegenseitig Mut zugesprochen haben. Ich habe mich mit Tobi geeinigt, gemeinsam und gemütlich loszulaufen.

Vom Start selbst habe ich ehrlich gesagt wenig mitbekommen, da ich so auf den kommenden Lauf fokussiert war, dass ich alles andere ausgeblendet habe. „Aufgewacht“ bin ich eigentlich erst etwa einen Kilometer, nachdem wir die Startlinie passiert hatten und war total geflasht.

Nicht nur im Start- und Zielbereich standen die Zuschauer in Doppel- und Dreifachreihen an der Strecke, sondern so weit man sehen konnte.

Und dann kann der Moment, der sich für immer in mein Hirn eingebrannt hat: der Streckenabschnitt über die Erasmusbrücke. Der leichte Hochnebel, der über der Stadt hing, die Skyline im Gegenlicht und die Schlange von Läufern, die sich bis zum Horizont erstreckte. Einfach irre, wie viele Menschen sich vornehmen, einen Marathon zu laufen und es ist einfach ein unbeschreibliches Gefühl, mittendrin zu sein. Der nächste Gedanke war dann sofort: Wenn so viele vor mir sind, bin ich dann einer der letzten? Also umgedreht und nach hinten geschaut. Auch da war kein Ende in Sicht. Irre.

Laufen, laufen, laufen, laufen…

Gemütlich und entspannt bin ich mit Tobi angelaufen. Nur nicht anstrengen war die Devise und möglichst viel Kraft sparen. Das hat auch wunderbar geklappt, vor allem da ich wegen der Zuschauer so abgelenkt war, dass ich gar nicht dazu gekommen bin, auf irgendetwas anderes zu achten. Überall standen Samba Gruppen, Bands, Kinder, die sich ein High Five holen wollten, verkleidete Zuschauer, geschmückte Häuser, Fahnen, Transparente, Schilder und DJs. Einfach die totale Reizüberflutung. Die erste Kilometermarkierung, die ich bewusst wahrgenommen habe, war bei Kilometer 15. Anstrengung hatte sich bis dahin noch nicht wirklich eingestellt.

Anfangs hat es mich besonders irritiert, dass wildfremde Zuschauer meinen Namen gerufen und mich angefeuert haben. Woher kennen die mich? Gibt es hier noch einen Lukas, der immer neben mir läuft und so bekannt ist? Dass mein Name auf der Startnummer steht, ist mir dann erst etwas später aufgefallen …
Aber ich muss einfach sagen: Es ist wahnsinnig motivierend, wenn man überall bejubelt und angefeuert wird. Von den Zuschauern getragen werden – in Rotterdam war das wirklich der Fall!

Es heißt ja immer, dass bei Kilometer 35 der „Mann mit dem Hammer“ kommt und es dann richtig anstrengend wird. Der Sack kam bei mir aber schon bei Kilometer 32 und hatte keinen Hammer, sondern ein ganzes garstiges Arsenal von spitzen Gerätschaften dabei, die er unbedingt in meinem linken Oberschenkelbeuger versenken musste.

Krämpfe!

Und zwar solche, wie ich sie noch nie erlebt habe. An weiterlaufen war erst mal nicht zu denken. Also stehen bleiben, dehnen, gehen, einen Laufversuch wagen. Dumme Idee: Jetzt krampfte auch noch der rechte Oberschenkel. Gleiches Recht für alle! Und so habe ich mich von Kilometer 32 bis etwa 36 teils humpelnd, teils gehend fortbewegt. Von laufen konnte da wirklich nicht die Rede sein.

Gerettet haben mich die Zuschauer, die mir immer wieder zwar unverständlich, aber aufmunternd etwas zugerufen haben. Mit Orangen, Gummibärchen und einer Erdbeere wurde ich wieder aufgebaut. Trotzdem waren das die längsten vier Kilometer, die ich mich jemals fortbewegt habe. Zusätzlich setze natürlich der Ehrgeiz ein: „Jetzt bist du schon 32 Kilometer durch die Gegend gelaufen, da kann es doch nicht sein, dass dich ein paar Krämpfe aufhalten. Also quäl dich!“

Und dann waren die Schmerzen auf einmal wie von Geisterhand verschwunden. Klar habe ich die Beine noch gespürt und der ein oder andere Zehennagel hat sich beschwert. Das ist aber auch kein Wunder nach dieser Strecke.

Ab Kilometer 36 konnte ich dann wieder die Strecke und die Stimmung genießen. Besonders als es wieder in Richtung Innenstadt ging, war es einfach klasse. Die Menge ist immer mehr ausgerastet, hat mit Konfetti geworfen, gesungen und einfach nur eine riesige Party gefeiert. Da blieb gar keine Zeit für müde Gedanken.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Mann auf ein einer Bühne circa eineinhalb Kilometer vor dem Ziel, der in seinem knallgelben Anzug und Hut so etwas wie „Lauf, Lukas!“ rief. Es ist einfach Wahnsinn, mit welcher Begeisterung die Niederländer dabei sind. Und die gute Stimmung überträgt sich sofort auf die Läufer.

Der Zieleinlauf war dann einfach ein Erlebnis! Beide Straßenseiten waren vollgepackt mit Menschen. Und dann die Gewissheit es geschafft zu haben. Einfach mal gehen, anstatt laufen. Aufgeputscht vom Adrenalin und den Endorphinen. Der Hammer!

Nach dem Lauf

Der Mix aus Erleichterung, Stolz und Euphorie verdrängte die schmerzenden Beine und Füße und der – glücklicherweise – kurze Weg zum Hotel und zur Dusche war auch kein Problem.

In der Lobby habe ich dann andere #DeinErsterMarathon-Teilnehmer getroffen, die es auch geschafft hatten. Wenn man weiß, wie anstrengend und schmerzhaft der Marathon ist, dann fühlt man sich sofort mit allen anderen Läufern verbunden und hat Respekt vor deren Leistung.

Muss das jeder mal erlebt haben? Ja! Allerdings glaube ich nicht, dass es ein Marathon sein muss. Es geht einfach darum, sich einmal richtig „platt“ zu machen, sich zu überwinden und sich vor einer derart tollen Stimmung tragen und mitreißen zu lassen. Man muss sich auf so etwas einlassen und darf nicht versuchen, die Faszination rational zu erklären. Es geht ums Feeling, was so ein Event ausmacht – egal ob es sich um einen Marathon, Halbmarathon oder irgendeine beliebige Distanz handelt. Der Marathon schafft es natürlich relativ leicht, den Körper an die Grenze der Belastbarkeit zu bringen, was ich auch noch Tage nach dem Lauf deutlich gemerkt habe.

Eine Empfehlung: Lasst euch drauf ein, denn wenn ihr ein bisschen Lauferfahrung habt und fleißig trainiert, könnt ihr auch in neun Monaten einen Marathon laufen. Und die Erlebnisse und die Erfahrungen, die ihr sammelt, übertreffen den Aufwand und die die Quälerei um ein Vielfaches.
Keep on running!

Euer Lukas