Auszug aus dem geheimen Trainingstagebuch eines x-beliebigen Teilnehmers – da alle gemeinsam trainiert, gelitten, gekränkelt haben und gelaufen sind, ähneln sie sich sehr …

Von Annette Feldmann und Andreas Albrecht

13. Juli 2017
Oh mein Gott! Ich habe gewonnen! Was bin ich doch für ein Glückspilz! Ich werde den Rotterdam Marathon 2018 laufen und das Ding so rocken! Wie geil ist das denn, bitte schön?!

14. Juli, 10 Uhr
Ich habe eine Nacht drüber geschlafen. Über eine Suchmaschine festgestellt, dass es sich bei einem Marathon ja um 42 Kilometer handelt! Komma irgendwas! Völlig unmöglich! Das schaffe ich nie! Schnell mal in unserer neu gegründeten What’s-App-Gruppe fragen, ob ich mit dieser Einstellung auch nicht alleine bin.

14. Juli, 10.15 Uhr
Nope. Bin ich nicht.

Mitte Juli bis August
Erstmal Urlaub. Gebucht ist gebucht, und zum trainieren ist es eh zu heiß. Auf der Sonnenliege kann ich wunderbar Selfies üben. Schließlich muss ich in den nächsten Monaten die sozialen Medien auch noch bedienen.

20. August
Die ersten Termine. Demnächst ist Einkleiden bei New Balance in Düsseldorf und, viel wichtiger, wir lernen uns alle kennen! Bis dahin kann das Training warten. Ohne einen Trainingsplan macht das alles auch wenig Sinn und ist bestimmt kontraproduktiv. Ich habe ja auch noch acht Monate Zeit. Eine halbe Ewigkeit. Wird schon.

02. September
Termin bei New Balance, Größenermittlung, Einweisung in die Abläufe, Fototermine. Mittlerweile bekomme ich den Eindruck mindestens ein D-Promi zu sein. Moritz von New Balance, Maren und Lukas von Bunert-Online und Fotograf Christian stellen sich vor. Fazit des Tages: „Wenn wir auch nicht die schnellsten werden, versuchen sie uns immerhin am besten aussehen zu lassen.“ Facebook posten natürlich nicht vergessen. Die „Freunde“ werden vor Neid erblassen.

17. September
Es klingt ja ein bisschen pathetisch, aber die anderen sind wirklich alle ausnahmslos total nett. Teamwork ist die halbe Miete. Wenn das mit dem Training nicht klappt, schleifen die mich wahrscheinlich durch Rotterdam. Sehr gut.
Und damit nicht genug. Maren und Lukas, die hinter den Kulissen die Fäden für reibungslose Abläufe, Organisation und Logistik ziehen, glänzen nicht nur durch ihre Kompetenz, sondern können auch noch fette Sympathiepunkte sammeln.

30. September, 15 Uhr
Was die beiden da leisten ist ja unmenschlich. Sind das Außerirdische? Ich bin misstrauisch und teste ihr Fachwissen und ihre Geduld vorsichtshalber mal, indem ich ihnen einen Haufen Fragen in der What’s-App-Gruppe stelle.

30. September, 15.10 Uhr
Nachtrag: Alle Fragen zufriedenstellend beantwortet.

02. Oktober
Auf zur Leistungsdiagnostik. Die neuen Ausgehsachen an und los nach Düsseldorf. Muss das alles sein? Laufen, Pause, Blut abnehmen, laufen, pause Blut abnehmen…. Ich steige mit dem Großteil zusammen bei Runde 7 von 10 aus. Es regnet sowieso die ganze Zeit. Abends sind die Bilder online in unserer Marathon-Gruppe, schnell selbst noch was posten. Gutes Gefühl.

10. Oktober
Glück gehabt, das Testergebnis der Diagnostik sagt „gut trainiert“ bisher. Den Superhelden Status poste ich direkt bei Facebook und allen mir bekannten Whats-App Gruppen und fühle mich noch fitter.

26. Oktober
Jetzt hat Maren mich was gefragt: Wie es denn so mit dem Training läuft. Ich täusche ein Akkuproblem vor und breche weinend über meinem Trainingsplan zusammen. Ich wusste ja, dass die Sache mit dem Marathon einen Haken hat: Regelmäßiges Training und zwar mehrmals in der Woche. Schnell noch einen alten Lauf bei Facebook hochladen. Merkt ja keiner, und mir geht’s besser.

November/Dezember
Erstaunlich, an was man sich alles so gewöhnen kann. Fahrradfahren, schwimmen und Urlaub machen bereitet mir weiterhin einen riesen Spaß. Vor und über die Feiertage bringt das auch alles nicht viel. Ab Januar…, da greife ich an.

3. Januar 2018, 11.20 Uhr
Ich habe Schnupfen, Ohrenschmerzen und eine gereizte Patella Sehne. Ich werde sterben! Jedenfalls ist das Projekt Rotterdam Marathon ernsthaft in Gefahr! Ich teile meine Sorgen den anderen in der What’s-App-Gruppe mit.

3. Januar, 11.22 Uhr
Ich erfahre, dass alle anderen ebenfalls damit rechnen, in Kürze das Zeitliche zu segnen. So wie es aussieht, wird niemand am Marathon teilnehmen können. Wir haben Knie, Kopf, Muskel, Lunge und Bedenken.

3. Januar, 11.28 Uhr
Es scheint, dass Maren die einzige ist, die unsere Bedenken nicht teilt. Sie textet uns Mut zu. Ob es vielleicht tatsächlich möglich sein sollte, rechtzeitig zu genesen, um den Trainingsplan weiter zu befolgen?

17. Februar, 10 Uhr
Wir haben das Projekt umbenannt in „Dein erstes (und wahrscheinlich letztes) Lazarett“. Nur knapp die Hälfte von uns trifft sich in Düsseldorf zum gemeinsamen Lauf bei eisiger Kälte am Rhein. Begleitet von Maren, mit wie immer strahlenden Lachen, fantastischer Laune und viel Optimismus, sowie Christian, der uns ständig aus allen Positionen fotografiert, bis wir uns endgültig sehr sehr wichtig vorkommen. Abends sind die Bilder Online. Die Familie, Freunde, Kollegen und scheinbar jeder zollt uns seinen Respekt. Wenn die wüssten, wie wenig der Hase wirklich läuft.

17. Februar, 12 Uhr
Der gemeinsame Lauf hat viele unserer Bedenken zerstreut. In einem tollen Team zu laufen macht einfach wirklich Spaß und motiviert. Das kriegen wir hin. Und die anderen werden auch noch gesund. In uns reift die Erkenntnis: Noch drei Mal die Runde, die wir heute gelaufen sind, und schwupp, ist dein Erster Marathon zur Realität geworden! Die Theodor-Heuß-Brücke liegt übrigens an der Rotterdamer Straße, na wenn das nicht passt.

Mitte Februar bis Mitte März
Samstag ist jetzt nicht mehr Longdrink, sondern Longrun angesagt. Wenigstens die langen Läufe sollte ich einhalten. Nach 2-3 Stunden laufen im nirgendwo noch schnell ein professionelles Selfie hochladen mit einem entspannten und entschlossenen Gesichtsausdruck und dann mit Bier und Chips auf die Couch. „Nie wieder laufen“ schwöre ich mir. In der Werbepausen schnell noch in der What’s App Gruppe von den tollen Fortschritten berichten und wie sich das intensive Training bemerkbar macht.

Noch eine Woche
Es wird ernst. Alle sind nervös und werden Bedenkenträger. Maren wird auch immer ruhiger. Ich glaube, das ist unser Glück. Die Pasta Party und die Aufarbeitung des Erlebten am Sonntagmittag im Hotel gewinnen immer mehr an Bedeutung in den Diskussionen. Das Leben nach dem Lauf. Es ist in Reichweite. Wir müssen nur zugreifen.

Der letzte Tag
Es ist so weit, nur noch einmal schlafen und vier Stunden laufen, dann habe ich es geschafft! Oder?